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Was, meinst du, ist das Problem mit der Welt?

„Was, meinst du, ist das Problem mit der Welt?“

„Ich glaube, die Menschen trauen sich zu wenig zu. Ihnen fehlt der Mut.“

„Was meinst du damit?“

„Ich meine, dass die Menschen in Tuben leben, so wie Zahnpasta, und sie drücken immer einen Zentimeter raus zum Beispiel am Tag, wohldosiert nennen sie das, und das macht ja dann kein Chaos, weil man immer wegwischen kann, was zu viel ist und zum Leben reicht es gerade so.“

„Sind alle so?“

„Nein, nicht alle sind so. Manche wissen gar nicht, wie gebraucht sie sind. Und trotzdem, wenn sie Angst haben und denken, sie könnten einen Fehler machen, dann drücken sie trotzdem auf die Tube. Sie wissen, irgendwer muss es ja machen, sie machen das vielleicht ganz unbewusst. Da bleiben, wo alle wegrennen. Sie wollen das vielleicht auch, aber irgendwie wissen sie, dass sie bleiben müssen.“

„Sie spielen kurz mal Beckenrand, wenn alle denken, dass sie ertrinken und sich alles auflöst, selbst wenn ihre Tuben aus dem festesten Metall sind?“

„Ja, so könnte man das beschreiben. Letztlich ist niemand Beckenrand, aber wenn alle nur die Flut sehen und wild um sich strampeln, dann brauchen sie jemanden, der sie erinnert.

An ihre Kraft. Dass sie das, was sie erleben, tragen können. Dass sie das längst machen. Dass ihr Herz kräftig schlägt und ihr Becken ein bisschen vielleicht wie eine uralte Schildkröte ist.“

„Sind das dann Helden?“

„Ich weiß nicht, vielleicht haben sie einfach verstanden, dass ihre Kraft immer so groß ist, wie sie es glauben und dass Angst als schlechter Berater auch da sein darf, aber nicht führen sollte. Sie haben verstanden, dass sie ihre Tube nicht kontrollieren müssen, sondern dass alles wie ein geheimnisvolles Rezept ist, das wirklich niemand versteht, aber dass sie als Zutat irgendwie etwas bedeuten.“

Wer weiß schon, wann Löwen wieder fliegen

„Ich bin viel zu glücklich zum Schlafen“, sagte er und lebte den Revolver ab. „Ich bin viel zu wütend zum Schlafen“, sagte sie und schlief die halbe Nacht. Sie träumte von Ungeheuern, dort in der Tiefe, und wie man sie wohl richtig liebte und am nächsten Morgen würde sie schwören, dass, während sie schliefen, auf dem Fensterbett eine Fliege saß, die schwor, ein Löwe zu sein. Sie hatte gelernt, dass man sich mit Fliegen, die meinen, ein Löwe zu sein, nicht anlegte. Sie wusste auch, dass vielleicht nirgendwo stand, wer Laus und wer Riese ist und so ließ sie den Löwen geduldig viele Kreise ziehen in ihrem Zimmer. Wer weiß schon, wann Löwen wieder fliegen und vielleicht würde sie selbst mal einer sein. Oder jemand, den sie sehr liebte. Gut, wenn man nicht reden muss und sich trotzdem versteht, träumte sie vor sich hin. Viel hatte sie zu sagen und so fand sie sich nachts in diesem Garten wieder, in dem diese Eiche stand. Vielleicht hatte jemand vergessen, sie zu gießen, denn sie war hohl. Und ins hohle Gebälk erzählte sie eine Geschichte, deren Poesie vielleicht die ganze Welt erzittert hätte und vielleicht hätten die Menschen auch mal geschwiegen für ein paar Momente ohne die Luft anzuhalten. Doch sie dachte heute nicht an die anderen Menschen. Sie dachte nur an ihre Geschichte und eine alte, verlassene Wut. Ein Eichhörnchen, das sie die ganze Weile heimlich beachtet, lauschte ihr oder es war umgekehrt. Für dies Eichhörnchen bedeutete diese Geschichte, dies Zittern, die Welt.

Nicht jeder Baum, der da steht, wird dir ein Halt sein

Nein. Davon hatte sie noch nie gehört. Sie fürchtete die Langeweile fast so sehr wie die Überforderung und darum passte sie immer auf, damit dies empfindsame Gleichgewicht nicht gestört würde und doch: Davon hatte sie noch nichts gehört.

„Nicht jeder Stein, der in deinem Weg liegen könnte, wird dies auch tun. Noch wirst du ihn rufen, mit deiner Sorge zum Beispiel. Nicht jeder Baum, der da steht, wird dir ein Halt sein, und nicht jede Birke einen Anfang bescheren. Nicht vor jedem Schmerz wirst du rennen müssen, vor manchem schon, und was du erfahren wirst, ist, egal ob du rennst oder nicht, niemand am Ende richten muss, ob du richtig lagst. Stell dir vor, du öffnest die Tür und dahinter fällst du tief und du hättest es nicht gewusst, hättest du die Tür nicht geöffnet und dann wärst du auch nicht gefallen. Stell dir vor, du hättest die Tür zugehalten. Stell dir vor, niemand stellt dir ein Bein und niemand ist Trost. Stell dir vor, alle Wände wären kahl wie ein Babypopo und stell dir vor, du könntest genießen. Ich fand Gefallen daran und das Leben, es kitzelt mich manchmal wie Wellen das Ufer, ihr Licht blendet mich.

Stell dir vor, du wärst Ufer, du wüsstest es nicht.“

Vielleicht, wenn

„Eigentlich bin ich immer zu langsam. Renne den Ereignissen hinterher oder den schwierigen schnell davon. Eigentlich bin ich so meistens beschäftigt und ich fühle mich sicher damit, wenn auch ein bisschen gehetzt. Immer die Beine in die Hand nehmen, bevor es ein anderer tut. Manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass ich mich von alten Schatten jagen lasse, aber ich ändere nichts daran. Auch Schatten brauchen einen Platz und wenn es dann eben überall ist, dann ist es ja auch wieder kaum zu merken, wie ein Haus, in dem alle Tapeten grün sind und dann fragt mal wer, warum eigentlich.

Ich lasse mich das nicht fragen. Überhaupt fragen sich die Menschen ja oft das, was sie erwarten und wenn dann mal einer kommt und was ganz anderes fragt, dann nennt man ihn komisch oder Schaf. Und darüber kann der sich dann auch definieren, bis ihn keiner mehr fragt, warum er eigentlich immer so ein Schaf ist oder vielleicht denkt er das ja nur von sich heimlich und merkt es nicht und vielleicht keiner. Und ganz schlimm wird es, wenn keiner mehr so weit fragt und keiner mehr was merkt, weil alle sich zum Beispiel nur um die Miete Gedanken machen und wer das nicht tut, ist dann vielleicht auch wieder ein Schaf, ein rotes vielleicht, und vielleicht hat er sich ja auch nie um die Miete geschert und merkte gar nicht, wie anders er damit war und eigentlich wäre zwischen ihnen allen ganz viel entstanden. Sie hätten gefragt und gemerkt und vielleicht sehr viel verstanden.“

Von der Verstellung

„Es ist mir wichtig, was andere von mir denken.“ sagte er.

„Wichtiger als es wirklich ist?“

„Das muss sich nicht widersprechen. Aber ich gebe zu, es erfordert manchmal Opfer. Ich darf auch mich nicht wirklich sehen und wer mich sieht, muss manchmal einen Knick in der Optik vorspielen und sich vielleicht ein bisschen verbiegen.“

„Aber das ist nicht schlimm, weil du das selber dauernd tust?“

„Alles, was ich bekomme, bekomme ich wegen der Gunst von irgendwem. Lass mich da nicht rausfallen.“

„Woher weißt du, wann dich wer fallen lassen würde?“

„Ich habe die Menschen studiert. Und ich rate.“

„Verrätst du dabei nicht dich?“

„Nein. Ich liebe meine Ängste und sie lieben mich.“

Atmende Essenz

„Manchmal ist das Wollen alles, was wir haben. Sag Nein, aber nimm mir dieses Wollen nicht. Es fußt nicht auf Erfüllung, sondern auf unerklärlichen Gefühlen, die das Wollen gar nicht kennt. Nimm mir alles, was ich eh nicht habe, aber nimm mir dieses Wollen nicht. –

Vielleicht sagt dein Schmerz dir, dass du Recht hast und vielleicht fühlst du dich erhaben damit. Vielleicht tappst du in Gefälligkeiten, die letztlich Selbst-Gefälligkeiten sind, weil es den anderen gar nicht wirklich gibt. Nur in deiner Idee von ihm, da lebt er, und alles, was er sein müsste und ihm zu seinem Glück fehlt, all das wünsche ich dir in vollkommener Übersetzung, als zartes Geschenk und lieblichen Schauer, der deine Seele wiederbelebt. –

Am Todestor, da werden wir alle klein und Demut ist nicht nur ein Wort und keiner gehört zu keinem und alle zu allen. Drück mir mein Herz aus, drück mich so sehr aus, dass nichts mehr übrig bleibt, außer atmende Essenz, die ich wieder zu mir nehmen kann. Vielleicht. Wenn ich mich trau und wenn ich will. Denn das ist alles, was ich habe.“

Geschöpf und Ding

Der Mensch ist ein zart-atmendes Geschöpf
Mit sehr weicher Haut
Und feurigem Haar

Ein wildes Gestüm
Ein Kessel
Ein Baum, ein Windspiel
Ein Klang

Ich hörte einen
Der sang

Lass los
Ihre Listen

Und wie sie sich beherrschen wollen

Sie verwechseln was lebt
Sich ständig bewegt
Immer ein Echo sucht

Mit etwas das zu gebrauchen ist
Oder eben nicht

Alles wird Ding

Heil dem
Der verletzt ist
Und damit Medizin ist
In dieser gewaltigen Welt

gib mir mich

nimm mir jede besonderheit
in mir und meinem leben
nimm mir jedes funkeln
jede pracht
möcht sein wie parkbänke
die alles beherrbergen können
oder bäume
die nicht fliehen
gib mir gestank
und leid und übel
gib mir hass
der wellen schlägt und tritt
gib mir not
und lass mich alles halten
ob nah ob fern ob fremd
ob ich die schönste schönheit bin
oder der letzte dreck
unter dem fingernagel gottes
den gott ziemlich sicher genau so liebt
wie er ist
(und umgekehrt)
gib mir gewohnheiten
und lass mich alle verbrennen
ich möcht nichts fürchten
nicht flüchten
nichts vermeiden
ich möchte tun
was ich tu
und in der mitte sein
die bis zum rande reicht

Leg deinen Finger in die Wunde

Leg nicht den Finger
In die Wunde

Dass wenn sie heilt
Dein Du im Du ewig erklingt

Leg deinen Finger
In die Wunde

Erinner das Fleisch
An sich selbst

Wie es unversehrt pulsiert
Und empfindet

Geh ganz nah
Und bleib auch fern

Es ist die Freiheit
Aus der das Leben sich gebiert

Toll genug

Und dann wollte ich dir nur mal eben sagen:
Toll genug!

Dass du toll genug bist
Mit den tausend Gedanken im Kopf

Und dem Stein
Im Schuh

Toll genug!
Und na klar kann man sich auch immer denken

Dass man irgendwie irgendwo
Optimierbar wär‘

Und ich möchte dich nicht mal zwingen
Das abzuschalten

Oder die Erwartungen abzuschaffen
Was schon wieder ’ne Erwartung wär‘

Ist die Frage nicht viel mehr:
Wie kannst du sein mit dir?

Sein, mit allem
Was hier auf dich wartet